Demokratie stärken: Was kann Ihr Unternehmen tun?
von Joris-Johann Lenssen, Geschäftsleiter bei Scholz & Friends Reputation
Die Zeiten, in denen Unternehmen Politik als Nebensache betrachteten, sind vorbei. Im Superwahljahr 2026 mit Landtagswahlen in fünf Bundesländern wird deutlich: Demokratie ist kein Luxus, sondern Fundament für nachhaltigen Unternehmenserfolg. Eine klare Haltung wird für Unternehmen durch globale Entwicklungen wie die zunehmende politische Spaltung und die allgegenwärtigen Angriffe auf demokratische Werte zusätzlich an Dringlichkeit gewinnen.
The business of business is not just business ...
Milton Friedmans Doktrin von 1970, die einzige Verantwortung von Unternehmen liege in der Gewinnmaximierung, stößt heute an ihre Grenzen. Unternehmen operieren nicht im luftleeren Raum. Sie sind auf funktionierende Rechtsstaatlichkeit, offene Märkte und sozialen Zusammenhalt als fundamentale Geschäftsgrundlage angewiesen. Wenn diese Grundregeln durch populistische Strömungen erodieren, wird unternehmerische Passivität zum betriebswirtschaftlichen Risiko. Zwar mögen kurzfristige Unternehmensprofite aus der wirtschaftlichen Nähe zu antidemokratischen Machtzentren verführerisch wirken. Mittel- und langfristig führt dieser Spezl-Kapitalismus aber zu Erosion des fairen Wettbewerbs und gefährdet die Stabilität unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems. Die Verteidigung der demokratischen Werte ist somit keine Erweiterung des Geschäftsmodells, sondern dessen fundamentale Sicherung. Daher: no democracy, no business!
Vorbilder aus der Wirtschaft: Wie Unternehmen Verantwortung übernehmen
- Kollektiv handeln: In der Wirtschaftsinitiative „Wir stehen für Werte“ mobilisieren über 30 Großunternehmen (darunter Siemens, Volkswagen und die Deutsche Bank) Millionen von Mitarbeitenden für europäische Werte und warnen vor den wirtschaftlichen Schäden durch Extremismus. In Sachsen tragen über 160 Unternehmen im Bündnis „Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen" gemeinsam Standortverantwortung. Der Business Council for Democracy (BC4D) bündelt Unternehmen wie Evonik und Volkswagen, um Belegschaften im Umgang mit Desinformation zu schulen.
- Lokal engagieren: Auf lokaler Ebene verbindet etwa der Baumarkt toom sein gesellschaftliches Engagement eng mit Inklusionsprojekten in den Niederlassungen. Zudem macht die BASF mit der Initiative „Demokratie VEREINt“ das demokratische Engagement in lokalen Vereinen der Metropolregion Rhein-Neckar sichtbar und stärkt so den gesellschaftlichen Zusammenhalt direkt an ihren Standorten.
- Klar positionieren: Reinhold Würth warnte in einem fünfseitigen Brief seine 25.000 Mitarbeitenden in Deutschland explizit vor der Wahl der AfD, da deren Forderungen einen Angriff auf das Grundgesetz darstellten. Auch Edeka positionierte sich vor den Landtagswahlen mit der großangelegten Kampagne „Die Evolution hat uns gelehrt: Blau ist keine gute Wahl“ unmissverständlich für eine vielfältige Gesellschaft. Siemens Energy CEO Christian Bruch argumentiert ähnlich deutlich: Er markiert Extremismus nicht nur als moralisches Problem, sondern als reale Gefahr für den deutschen Export und den Wohlstand.
Wirtschaftlichkeit und Werte im Einklang
Das klassische Modell des rein profitorientierten, neutralen Unternehmensakteurs hat ausgedient. Die Wirtschaft begreift sich zunehmend als Corporate Citizen (Unternehmensbürger), der aus einer moralischen Pflicht heraus handelt, aber gleichzeitig die harte ökonomische Basis seines Geschäftsmodells schützt. Die zentralen Triebfedern für dieses Engagement sind:
Sicherung der fundamentalen Geschäftsgrundlage: Die liberale Demokratie gewährleitet Rechtsstaatlichkeit, Eigentumsrechte und Inklusivität. Sie bildet damit das Fundament für Investitionssicherheit, sinkende Transaktionskosten, Innovation und langfristiges Wachstum.
Abwehr von harten Bilanzrisiken: Populistische Bewegungen sind anti-pluralistisch und untergraben die institutionelle Gewaltenteilung und gegenseitige Kontrolle. Für die deutsche Wirtschaft entstehen dadurch Risiken wie ein verschärfter Fachkräftemangel (durch die Abschreckung internationaler Talente), gestörte Lieferketten (durch protektionistische Narrative) und eine gesamtgesellschaftliche Planungsunsicherheit.
Moralische Verpflichtung: Unternehmen profitieren massiv von demokratischen Strukturen, vom fairen Rechtssystem bis zu gut ausgebildeten Arbeitskräften. Aus diesem enormen Nutzen erwächst auch die ethische Verantwortung, jenes System aktiv zu schützen, das ihren Wohlstand erst ermöglicht hat.
Haltung zeigen ist gut, Handeln ist besser!
Noch bleibt ein Großteil der Unternehmen allerdings stumm, wie der „Monitor Unternehmensengagement 2025“ als signifikanten „Attitude-Behaviour-Gap“ aufzeigt. Zwar stimmen beeindruckende 73 Prozent der Unternehmen zu, dass sich die Wirtschaft öffentlich zu demokratischen Werten bekennen sollte, doch die Bereitschaft, dafür auch konkret Stellung zu beziehen, sackt auf magere 39 Prozent ab. 62 Prozent der Unternehmen haben in den letzten zwölf Monaten faktisch keine Maßnahmen zur Demokratiestärkung ergriffen. Dieser Widerspruch ist das prägende Merkmal unserer Zeit.
Warum? Fast die Hälfte fürchtet Boykottaufrufe oder Shitstorms. Doch diese Angst ist oft unbegründet: Edekas Kampagne „Die Evolution hat uns gelehrt: Blau ist keine gute Wahl" zeigt, dass die negativen Auswirkungen geringer ausfallen als erwartet – während Markenprofil und gesellschaftliche Akzeptanz wachsen.
Orientierung finden: Die Landkarte des Handelns
Um diese Schockstarre zu überwinden, haben das Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen und Scholz & Friends Reputation die sogenannte „Landkarte des Handelns“ entwickelt. Dieses praxisnahe Rahmenwerk bündelt strategische Leitplanken in sechs zentralen Handlungsarealen und skizziert 17 konkrete Aktionsmöglichkeiten für Unternehmen, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen wollen.
Die Landkarte zeigt auf, wie Unternehmen schrittweise vom abstrakten Bekenntnis ins strukturierte Handeln kommen – von der Definition eigener Werte über das Stakeholder-Management (beispielsweise dem strikten Ausschluss verfassungsfeindlicher Akteure aus den Lieferketten) bis zur authentischen externen Kommunikation, wie etwa dem proaktiven „CEO Activism“. Solche Systematiken sind entscheidend, um das gut gemeinte Engagement aus der reinen PR-Ecke in eine strategisch verankerte Corporate Political Responsibility (CPR) zu überführen. Entscheidend: Nicht alles auf einmal umsetzen, sondern fokussieren. Die passenden Maßnahmen auswählen und zu einem langfristigen Engagement verbinden.
Die Landkarte des Handelns zum Download unter: https://unternehmen-fuer-demokratie.de/
Chance 2026: Warum Untätigkeit keine Option mehr ist
Das Superwahljahr 2026 ist mehr als nur eine Reihe von Wahlen, es ist ein Weckruf für die deutsche Wirtschaft. Insbesondere Führungskräfte stehen vor der Herausforderung, den „Attitude-Behaviour-Gap“ endlich zu schließen und aus bloßen Bekenntnissen konkretes Handeln abzuleiten. In der heutigen Zeit reicht es nicht aus, vermeintlich neutral zu sein. Ebenso wenig genügt es, lediglich symbolisch Position zu beziehen. Entscheidend ist, dass Unternehmen aktiv in ihre interne Debattenkultur investieren, Haltung entwickeln und diese auch zeigen. Durch Klarheit in Bezug auf die eigenen Werte entsteht ein wirkungsvoller Schutz für Investitionen in demokratiefördernde Projekte.
Vielfalt im Unternehmen fördert Innovation, während Abschottung und Passivität Wachstum und Wohlstand signifikant gefährden können. In einer Phase, in der bisherige Gewissheiten ins Wanken geraten, sind Unternehmen gefordert, als Stabilisatoren ihres gesellschaftlichen Umfeldes aufzutreten. Der Übergang vom kurzfristigen Impuls zur nachhaltigen, systemischen Wirkung ist möglicherweise die wichtigste Investition, die Unternehmen im Jahr 2026 tätigen können.
Mit unserer langjährigen Expertise stehen wir Ihnen zur Seite, wenn es darum geht, Ihr Unternehmensengagement gezielt auf die Stärkung demokratischer Werte auszurichten. Wir begleiten Sie dabei, Corporate Political Responsibility (CPR) strategisch zu verankern und sowohl intern als auch extern glaubwürdig zu kommunizieren. Unsere Unterstützung umfasst die Entwicklung individueller Strategien und Konzepte, die auf Ihren spezifischen Unternehmenswerten und Zielen basieren. Gemeinsam sorgen wir dafür, dass Ihr Engagement nicht nur als symbolisches Statement wahrgenommen wird, sondern nachweisliche Wirkung entfaltet – zum Schutz und zur Förderung unserer Demokratie.
Wenn Sie Ihr Unternehmen fit für die Herausforderungen der Zeit machen und Verantwortung übernehmen wollen, sprechen Sie uns gerne an. Wir helfen Ihnen dabei, aus Haltung konkretes Handeln werden zu lassen.