Interview:

KI und Nachhaltigkeit: Wenn Governance neu gedacht werden muss

Sondernewsletter KI Juni26 Visuals 4 1

Künstliche Intelligenz verändert Geschäftsmodelle, Entscheidungen und Wertschöpfungsketten. Zugleich steigen die Anforderungen an Nachhaltigkeit, Sorgfaltspflichten und Corporate Governance. Damit entsteht ein neues Spannungsfeld für Vorstände und Geschäftsleitungen: Wie lässt sich technologische Dynamik nutzen, ohne Verantwortung aus der Hand zu geben? 

Darüber spricht Joris-Johann Lenssen, Geschäftsleiter bei Scholz & Friends Reputation, mit Prof. Dr. Anne-Christin Mittwoch, Inhaberin des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das Gespräch entstand im Kontext des Arbeitskreises Wirtschaftsethik der Schmalenbach-Gesellschaft, in dem beide engagiert sind. 

Im Zentrum stand die Frage, ob KI künftig nicht nur als Risiko, sondern auch als Voraussetzung verantwortungsvoller Unternehmensführung verstanden werden muss. Besonders in komplexen Lieferketten kann sie helfen, Risiken sichtbar zu machen, Sorgfaltspflichten umzusetzen und Entscheidungsgrundlagen zu verbessern. Wenn gesetzliche Anforderungen ohne technische Unterstützung faktisch kaum erfüllbar sind, kann auch der bewusste Verzicht auf KI erklärungsbedürftig werden. 

Im Gespräch: Twin Transformation, Governance Gaps und neue Verantwortung

Interview von Joris-Johann Lenssen (JJL) und Prof. Dr. Anne-Christin Mittwoch (ACM) über Twin Transformation, Governance Gaps und neue Verantwortung. 

Nachhaltigkeit und Digitalisierung zusammendenken.

JJL: Anne, Nachhaltigkeit und KI werden oft getrennt diskutiert. Gleichzeitig verschieben sich in beiden Bereichen Verantwortlichkeiten – und beides trifft im Begriff der „Twin Transformation“ zusammen. Wie definierst du diesen Begriff aus rechtlicher und akademischer Perspektive? 

ACM: Twin Transformation verbindet Nachhaltigkeit und Digitalisierung – aktuell besonders zugespitzt auf KI. Entscheidend ist, diese Themen nicht länger in Silos zu bearbeiten: Sie betreffen die Unternehmensstrategie und damit die Gesamtverantwortung des Vorstands. Digitalisierung hilft, komplexe Nachhaltigkeitsanforderungen umzusetzen; Nachhaltigkeit wiederum setzt Leitplanken für technologische Entwicklungen – mit Blick auf Energieverbrauch, Ressourcen, ökologische Grenzen, soziale Auswirkungen und menschenrechtliche Mindeststandards. 

Governance Gaps: Wenn Regulierung der Realität hinterherläuft.

JJL: Genau dieses „Einhegen“ ist zentral. KI eröffnet große Chancen, wirft aber auch ökologische und soziale Fragen auf. Zugleich entsteht eine Lücke zwischen technologischer Entwicklung und rechtlicher Regulierung. 

ACM: Absolut. In beiden Bereichen sehen wir eine hohe Entwicklungsdynamik – auf EU-Ebene ist der Regulierungsrahmen sowohl für Nachhaltigkeit als auch für digitale Technologien aktuell umfangreich – gleichzeitig aber auch große Unsicherheiten. Auf globaler Ebene fehlen zudem häufig tragfähige rechtliche Strukturen. Hier entstehen Governance Gaps, also Lücken zwischen technologischer Realität, gesellschaftlicher Erwartung und verbindlichem Recht. Diese Lücken werden derzeit oft durch unternehmerische Verantwortung, freiwillige Standards und Soft Law gefüllt. 

„Wo verbindliches Recht noch nicht ausreicht, müssen Unternehmen Verantwortung übernehmen.“ 
– Prof. Dr. Anne-Christin Mittwoch 

KI und Vorstandshaftung: Verantwortung bleibt beim Menschen.

JJL: Damit wird der Umgang mit KI zu einer Governance-Frage. Sie ist kein bloßes Add-on, sondern verändert Wertschöpfung und Entscheidungsprozesse. Welche Verantwortung haben Vorstände, wenn sie Entscheidungen auf Basis von KI-Empfehlungen treffen – gerade wenn die Systeme von außen oft wie eine Blackbox wirken? 

ACM: Der Vorstand muss nicht selbst zum Data Scientist werden. Maßgeblich für die Führung von Kapitalgesellschaften ist die sogenannte Business Judgment Rule: Sie kann die Geschäftsleitung vor Haftung schützen, wenn diese unternehmerische Entscheidungen auf angemessener Informationsgrundlage und zum Wohle der Gesellschaft treffen. Im KI-Kontext heißt das: Empfehlungen dürfen nicht blind übernommen werden. KI verändert die Vorbereitung von Entscheidungen, aber nicht die Letztverantwortung. Der Vorstand muss nachvollziehen können, wie eine Empfehlung zustande kommt, welche Risiken bestehen und wie sie einzuordnen ist. 

„Die Business Judgment Rule kann unternehmerische Entscheidungen schützen – aber nicht den Verzicht auf eigene Urteilsbildung.“ 
– Prof. Dr. Anne-Christin Mittwoch 

In hochkomplexen Lieferketten stoßen rein menschliche Kontrollen an Grenzen. Gerade bei menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten geht es nicht darum, jeden Verstoß weltweit garantiert zu verhindern, sondern um angemessene Prozesse: Risiken identifizieren, bewerten und Maßnahmen einleiten. KI kann helfen, große Datenmengen, Lieferketteninformationen und Risikosignale systematisch auszuwerten. Deshalb kann der bewusste Verzicht auf KI zur Erfüllung von Compliance- und Sorgfaltspflichten künftig erklärungsbedürftig werden. 

Corporate Digital Responsibility: Verantwortung in der Regulierungslücke

JJL: Genau hier gewinnt Corporate Digital Responsibility wieder an Bedeutung: Verantwortung dort, wo Technologie schneller ist als Regulierung. Wird dieser Gedanke im KI-Kontext neu relevant? 

ACM: Der Begriff ist vielleicht nicht entscheidend – das Phänomen in der Sache ist es aber durchaus: Corporate Digital Responsibility beschreibt Verantwortung für digitale Technologien in unternehmerischen Prozessen und Anwendungen, wo Regulierung (noch) nicht alle Fragen beantwortet. Im KI-Kontext geht es um mehr als Compliance: Unternehmen müssen bewusst entscheiden, welche Systeme sie einsetzen, welche Risiken sie prüfen und wie sie mit technologischen Auswirkungen auf Umwelt, Gesellschaft und Stakeholder umgehen. 

Sustainable Corporate Governance: Unternehmensinteresse im neuen Korridor

JJL: Damit sind wir bei Sustainable Corporate Governance. Wenn Unternehmensinteresse heute mehr sein muss als kurzfristiger Shareholder Value: Wie lässt sich der Einsatz von KI so begründen, dass er langfristig im Sinne des Unternehmens ist – ökonomisch, ökologisch und sozial? 

ACM: Wir sehen aktuell eine Transformation des Unternehmenskerns. Unternehmensrecht war und ist nicht wertneutral, sondern muss sich heute an ökologischen und sozialen Grenzen orientieren. Der Handlungsspielraum von Unternehmen lässt sich als Korridor verstehen: Planetare Grenzen bilden die ökologische Obergrenze, Menschenrechte und soziale Mindeststandards das Fundament. In diesem Safe and Just Operating Space können Unternehmen langfristig legitim und resilient wirtschaften. KI kann helfen, in diesem Korridor strategisch zu navigieren. 

„KI kann Unternehmen helfen, im Korridor zwischen planetaren Grenzen und sozialer Verantwortung strategisch zu navigieren.“ 
– Prof. Dr. Anne-Christin Mittwoch 

Was Unternehmen jetzt mitnehmen sollten.

Drei Punkte werden deutlich: KI ist kein reines Effizienzthema, sondern Teil moderner Governance. Die Verantwortung trägt auch bei KI-gestützten Entscheidungen letztlich der Mensch. Und Nachhaltigkeitsstrategie, KI-Strategie und Unternehmensführung müssen enger zusammenrücken – besonders dort, wo Lieferketten, ESG-Daten und Sorgfaltspflichten komplexer werden. 

Wir danken Prof. Dr. Anne-Christin Mittwoch sehr herzlich für das offene und inspirierende Gespräch, ihre fachliche Klarheit und die vielen wertvollen Impulse zur Verbindung von KI, Nachhaltigkeit und Corporate Governance. 

Die Gesprächspartner:innen

Prof. Dr. Anne-Christin Mittwoch ist Inhaberin des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Of Counsel der Wirtschaftskanzlei GvW Graf von Westphalen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im nachhaltigen Unternehmens- und Wirtschaftsrecht, unternehmerischen Sorgfaltspflichten und ESG-Regulierung; zudem ist sie Gründerin und Leiterin des Research Institute for Sustainable Economic Law (RISE). 

Joris-Johann Lenssen ist Geschäftsleiter bei Scholz & Friends Reputation und Affiliated Executive an der Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Responsible Management der Technischen Universität Dresden. Zudem co-leitet er den Arbeitskreis Wirtschaftsethik der Schmalenbach-Gesellschaft. Seine Schwerpunkte liegen in Nachhaltigkeitsstrategie, Governance, gesellschaftlichem und politischem Unternehmensengagement sowie verantwortungsvollem KI-Einsatz. 

Sie wollen mehr erfahren? Dann treten Sie mit uns in Kontakt.

SF2020 Monogramm Black s RGB square

Scholz & Friends Reputation

+49 30 166 353 050