Weniger Aufwand, mehr strategischer Nutzen
Von Schadi Charlotte Sadeh, Senior Consultant bei Scholz & Friends Reputation
Um die Nachhaltigkeitsberichterstattung nach CSRD praxistauglicher zu machen, setzen die überarbeiteten European Sustainability Reporting Standards (ESRS) auf eine klarere Struktur. Im Zentrum steht weiterhin die Doppelte Wesentlichkeitsanalyse (DMA). Ihr Kernprinzip bleibt bestehen: die Identifikation von nachhaltigkeitsbezogenen Auswirkungen, Risiken und Chancen (IROs). Gleichzeitig hat die EFRAG den Anwendungsprozess deutlich vereinfacht. Das steigert nicht nur die Effizienz, sondern stärkt auch die Rolle der DMA als strategisches Werkzeug für die Unternehmensführung.
DMA als strategisches Steuerungsinstrument: Mehr als Compliance
Auch nach der Reform ist die DMA mehr als eine reine Compliance-Übung. Sie bleibt ein zentrales strategisches Werkzeug und fungiert als:
- Frühwarnsystem für Risiken
- Kompass für neue Wachstumsfelder
- Instrument zur Kapitalallokation
- Steuerung der Reputation bei wichtigen Stakeholder-Gruppen
Ein richtig durchgeführter DMA-Prozess liefert die inhaltliche Basis für das gesamte Management-Reporting und verankert Nachhaltigkeit als integralen Bestandteil der operativen Steuerung.
ESRS 2.0: Die wichtigsten Änderungen für die Wesentlichkeitsanalyse
Um die DMA als strategisches Werkzeug zu etablieren, hat die EFRAG den Prozess verschlankt und präzisiert. Die folgenden Änderungen sind für die praktische Umsetzung besonders relevant:
- Top-down-Ansatz ausreichend: Unternehmen können die DMA nun primär vom Geschäftsmodell, der Strategie und der Wertschöpfungskette ausgehend durchführen. Dies bedeutet, dass nicht jedes denkbare Thema von Grund auf analysiert werden muss. Das reduziert den initialen Screening-Aufwand in erheblichem Maße.
- Informationswesentlichkeit als übergeordneter Filter: Berichtspflichtig ist nur, was für die Adressat:innen der Berichterstattung entscheidungsrelevant ist. Nicht-wesentliche Informationen werden im Sinne des „Fair Presentation“-Prinzips ausgelassen oder gesondert gekennzeichnet. So wird die Übersichtlichkeit gewahrt und der Fokus geschärft.
- Flexible Themenliste: Die Themenliste (ESRS 1 Appendix A) dient nicht mehr als starres Pflicht-Raster, sondern als flexible Informationsquelle und Referenzpunkt. Unternehmen sind angehalten, ihre spezifischen Gegebenheiten zu berücksichtigen.
- Klarere Bewertungslogik: Präzise Regeln definieren nun, wie bestehende Maßnahmen bei der Bewertung negativer Impacts zu berücksichtigen sind („No net approach“). Zudem wird klar abgegrenzt, was als positive Auswirkung zählt, um Greenwashing zu vermeiden.
- Weniger Bewertungs- und Nachweiszwang: Die Standards verlangen keine einheitlichen Scoring-Modelle mehr. Die Qualität der Begründung rückt in den Vordergrund. Der Nachweisgrad muss verhältnismäßig sein, insbesondere bei offensichtlich wesentlichen Themen.
- Flexible Granularität: Unternehmen können die Berichtsebene (Themen-, Unterthemen-, IRO-Ebene) flexibel wählen, solange eine glaubwürdige und verständliche Darstellung der wesentlichen Sachverhalte gewährleistet ist.
- Jährliche Überprüfung statt Neustart: Die DMA muss jährlich nur noch überprüft und bei wesentlichen Veränderungen im Geschäftsmodell, in der Struktur oder im Umfeld aktualisiert werden.
Handlungsempfehlungen für die Praxis
Unsere Empfehlung für DMA-Erfahrene: Wer bereits eine Wesentlichkeitsanalyse nach Bottom-up-Ansatz durchgeführt hat, benötigt keinen kompletten Neustart. Die geleistete Vorarbeit auf IRO-Ebene bleibt für Prüfungssicherheit und Transparenz wertvoll.
Nutzen Sie die neuen Freiheiten für eine „Effizienz-Kur":
- Aggregieren Sie kleinteilige IROs, um die Berichtskomplexität zu senken
- Wenden Sie den „Information Materiality Filter" an, um Datenpunkte ohne echten Informationswert wegzulassen
Für Unternehmen, die noch keine DMA umgesetzt haben, ist der Top-down-Ansatz direkt der effizienteste Weg.
Unsere Empfehlung für Unternehmen ohne direkte CSRD-Pflicht: Für Unternehmen, die freiwillig berichten wollen, ist die strukturierte Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit weit mehr als Compliance. Sie ist ein entscheidender Hebel für die Zukunftsfähigkeit. Der Bericht sollte ein wirkungsvolles Steuerungselement sein – und auf die wachsenden ESG-Anforderungen von Banken und Großkund:innen ausgerichtet, um zusätzlichen bürokratischen Aufwand zu vermeiden.
Wer auf den Voluntary Sustainability Reporting Standard for SMEs (VSME) setzt, sollte über die reine Berichterstattung von Kennzahlen hinausgehen: Unser VSME Plus-Ansatz ermöglicht es, wesentliche Themen und deren strategische Relevanz gezielt zu ergänzen. Als inhaltlicher Anker dient auch hier eine Doppelte Wesentlichkeitsanalyse. Speziell für KMU empfehlen wir einen schlanken Top-down-Ansatz.
Die Ergebnisse schärfen den Fokus darauf, was für das eigene Unternehmen wirklich zählt. So lassen sich strategische Risiken und Chancen frühzeitig identifizieren und neben dem Finanzmarkt auch weitere Bedürfnisse von Anspruchsgruppen gezielt adressieren – etwa von Mitarbeitenden oder Endkund:innen.
Jetzt starten: Frühzeitig planen, Engpässe vermeiden
Generell gilt: Ein frühzeitiger Start ist entscheidend, um alle relevanten Unternehmensbereiche einzubinden und Engpässe zu vermeiden.
Schadi Charlotte Sadeh ist Senior Consultant bei Scholz & Friends Reputation und steht Ihnen für eine individuelle Beratung zu diesen Anpassungen und zur effektiven Umsetzung gerne zur Verfügung.