Demokratie als Managementaufgabe
Warum Unternehmen Demokratieengagement in Strategie, Governance und Risikovorsorge übersetzen müssen
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Verlässlichkeit von Institutionen sind mehr als gesellschaftliche Werte. Sie bilden zentrale Voraussetzungen für wirtschaftliche Handlungsfähigkeit. Derzeit wächst der Druck auf Unternehmen, ihre Rolle in einer polarisierten Gesellschaft zu klären: Wo beginnt aus Sicht der Wirtschaft ihre politische Verantwortung, wo liegen legitime Grenzen und wie wird aus der eigenen Haltung eine belastbare strategische Ausrichtung? Und auch für engagierte Unternehmen stellt sich die Frage, wie sie ihre Aktivitäten zur Demokratieförderung in Strategie, Governance und Risikomanagement übersetzen können.
Darüber spricht Joris-Johann Lenssen, Geschäftsleiter bei Scholz & Friends Reputation, mit Prof. Dr. Markus Scholz, Professor für Responsible Management an der Technischen Universität Dresden sowie Visiting Scholar und Adjunct Professor am INSEAD. Das Gespräch entstand im Kontext des Arbeitskreises Wirtschaftsethik der Schmalenbach-Gesellschaft, den beide gemeinsam leiten. Sein Ausgangspunkt ist der Schmalenbach-Impuls „Corporate Democratic Action (CDA): Das Engagement von Unternehmen zum Schutz der liberalen Demokratie“, den beide gemeinsam mit weiteren Mitgliedern des Arbeitskreises verfasst haben und der Corporate Democratic Action als Managementherausforderung einordnet.
Vom Erkenntnisproblem zum Umsetzungsproblem
Joris-Johann Lenssen: Viele Unternehmen erkennen inzwischen die Relevanz von Demokratieförderung. Auch in unseren Gesprächen mit Unternehmen und im Arbeitskreis Wirtschaftsethik wird die Bedeutung von Demokratie für wirtschaftliche Stabilität und unternehmerische Handlungsfähigkeit kaum noch bestritten. Wo liegen aus deiner Sicht heute die größten Hürden?
Prof. Dr. Markus Scholz: Ich glaube, wir haben inzwischen weniger ein Erkenntnis- als ein Umsetzungsproblem. Viele Unternehmen verstehen, dass liberale Demokratie und ihre Institutionen Voraussetzungen ihres wirtschaftlichen Erfolgs sind. Aber daraus ergibt sich noch keine Strategie.
Es fehlt häufig an drei Dingen: einem Wertekompass mit roten Linien, die auch Bestand haben, wenn der politische Wind aus einer anderen Richtung weht; einer klaren Corporate Governance, die das politische Engagement von Executives ausrichtet und einhegt; einer Klärung davon, welche Formen des Engagements tatsächlich sinnvoll sind. Kurzum: Ein LinkedIn-Post des CEOs ist noch keine Strategie.
Unternehmen sollten die politische Verantwortung für den Schutz der liberalen Demokratie nicht ausschließlich als Kommunikations-, sondern vor allem als Strategie-, Governance- und Risikothema verstehen.
„Ein LinkedIn-Post des CEOs ist noch keine Strategie.“
– Prof. Dr. Markus Scholz
Legitimität und Grenzen
Joris-Johann Lenssen: Kaum eine Frage wird derzeit kontroverser diskutiert als die nach der Legitimität unternehmerischen Demokratieengagements. Einerseits profitieren Unternehmen von stabilen demokratischen Institutionen und verlässlichen rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen. Andererseits verfügen sie weder über ein politisches Mandat noch über demokratische Legitimation. Wann wird Demokratieengagement aus Deiner Sicht legitim und wo überschreiten Unternehmen ihre Rolle?
Prof. Dr. Markus Scholz: Unternehmen sind als Corporate Citizens politische Akteure, ob sie das nun wollen oder nicht. Aber sie sollten sich nicht parteipolitisch engagieren.
Legitim ist es, sich für die Grundlagen einzusetzen, von denen Unternehmen selbst profitieren: für den Schutz der liberalen Demokratie und der mit ihr interdependenten Marktwirtschaft. Das heißt aber gerade nicht, den eigenen Mitarbeitenden zu erklären, welche Partei sie wählen sollen.
Entscheidend sind Transparenz, Konsistenz und Governance: Wofür engagieren wir uns als Unternehmen, warum tun wir das und wer hat darüber entschieden?
CEO-Statements versus Organisationsentwicklung
Joris-Johann Lenssen: Die öffentliche Debatte konzentriert sich häufig auf CEO-Statements oder sichtbare Positionierungen. Liegt der größere Hebel nicht eher in Unternehmenskultur und Mitarbeiterbeteiligung?
Prof. Dr. Markus Scholz: Ja, unbedingt. Wir überschätzen die medialen Fensterreden der CEOs und unterschätzen das Unternehmen als politischen Ort.
Unternehmen gehören zu den wenigen Orten, an denen Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Einstellungen und sozialen Hintergründen noch täglich miteinander arbeiten. Deshalb halte ich Dialog, politische Bildung und Mitarbeiterbeteiligung langfristig für mindestens ebenso wichtig wie öffentliche Statements.
Der CEO kann ein Signal setzen. Aber Demokratieengagement sollte keine persönliche Haltung des CEOs bleiben, sondern eine Fähigkeit der Organisation und damit Teil der Governance werden.
Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis
Joris-Johann Lenssen: Das deckt sich mit unserer Beratungserfahrung: Wirksam wird Engagement dort, wo es in Führung, Prozesse und Zuständigkeiten übersetzt ist. In der öffentlichen Diskussion wird dagegen häufig vor allem mehr Haltung von Unternehmen gefordert. Was hat Dich in den letzten zwei Jahren am meisten zum Umdenken gebracht?
Prof. Dr. Markus Scholz: Ich bin skeptischer gegenüber der Vorstellung geworden, Unternehmen müssten einfach nur mehr Haltung zeigen. Die interessante Frage ist, was passiert, wenn Haltung etwas kostet.
Was macht ein Unternehmen, wenn eine populistische Regierung tatsächlich an die Macht kommt und wirtschaftlichen oder politischen Druck ausübt? Deshalb beschäftige ich mich heute viel stärker mit dem Thema Strategic Preparedness: Risiken, Werte, rote Linien, Verantwortlichkeiten und Eskalationswege müssen geklärt werden, bevor die Krise da ist.
„Die interessante Frage ist, was passiert, wenn Haltung etwas kostet.“
– Prof. Dr. Markus Scholz
Kooperationen als Erfolgsfaktor
Joris-Johann Lenssen: Rote Linien und Eskalationswege vorab zu klären, sind im Kern Governance-Aufgaben. Unternehmen müssen das aber nicht allein leisten. Sie bringen Ressourcen, Reichweite und Umsetzungsfähigkeit ein. Was können Wissenschaft und Zivilgesellschaft ergänzen, was Unternehmen allein nicht können?
Prof. Dr. Markus Scholz: Kooperationen sind unverzichtbar. Unternehmen müssen akzeptieren, dass wirtschaftliche Macht noch keine politische Kompetenz bedeutet. Zivilgesellschaftliche Organisationen bringen Erfahrung etwa bei politischer Bildung, Dialog oder Extremismusprävention ein. Wissenschaft kann untersuchen, was tatsächlich wirkt und unter welchen Bedingungen Engagement legitim ist.
Gerade für kleinere Unternehmen sind zudem Netzwerke entscheidend. Kollektives Handeln erhöht nicht nur die Wirkung, sondern verteilt auch Risiken.
Blick nach vorn: Corporate Democratic Preparedness
Joris-Johann Lenssen: Zum Schluss ein Blick nach vorn: Welche Debatte werden wir in fünf Jahren führen, die heute noch unterschätzt wird?
Prof. Dr. Markus Scholz: Ich glaube, wir werden weniger darüber sprechen, ob Unternehmen Verantwortung für die liberale Demokratie tragen, sondern darüber, wie gut sie auf politischen und institutionellen Druck vorbereitet sind.
Aus wissenschaftlicher Perspektive ist das konsequent: Unternehmen sind auf Rechtsstaatlichkeit, verlässliche Institutionen, fairen Wettbewerb und politische Berechenbarkeit angewiesen. Wenn diese Voraussetzungen erodieren, betrifft das unmittelbar ihre Geschäftsmodelle.
Genau das sehe ich auch in meiner Arbeit mit Unternehmen. Eine entscheidende Managementfrage lautet inzwischen: Was tun wir konkret, wenn öffentliche Aufträge, Genehmigungen oder regulatorische Entscheidungen politisiert werden? Was passiert, wenn wirtschaftlicher Druck ausgeübt wird, weil sich unser Unternehmen vermeintlich politisch nicht opportun verhält?
Deshalb wird Corporate Democratic Preparedness so wichtig. Unternehmen brauchen Szenarien, einen klaren Wertekompass und definierte rote Linien. Sie müssen aber auch ganz praktisch klären: Wer entscheidet im Ernstfall? Welche Rolle spielen Vorstand und Aufsichtsrat? Welche Eskalationswege gibt es? Und welche wirtschaftlichen Kosten sind wir bereit zu tragen?
Wir machen heute Stresstests für Finanzkrisen, Cyberangriffe und Lieferketten. Genauso selbstverständlich werden künftig politische und institutionelle Risiken Teil des strategischen Risikomanagements werden. Demokratic Preparedness ist keine politische Romantik, sondern liegt im ureigenen Interesse der Unternehmen.
„Democratic Preparedness ist keine politische Romantik, sondern liegt im ureigenen Interesse der Unternehmen.“
– Prof. Dr. Markus Scholz
Was Unternehmen jetzt mitnehmen sollten.
Vier Punkte werden deutlich: Demokratieengagement ist kein Kommunikationsthema, sondern eine Managementaufgabe an der Schnittstelle von Strategie, Governance und Risiko. Legitimität braucht Transparenz, Konsistenz und klare Entscheidungswege. Öffentliche Haltung ist nur ein erster Schritt; langfristig entscheidend sind Dialog, Beteiligung und politische Bildung in der Organisation. Und Preparedness beginnt vor der Krise: mit Szenarien, roten Linien, Zuständigkeiten, Eskalationswegen und tragfähigen Netzwerken.
Wir danken Prof. Dr. Markus Scholz sehr herzlich für das Gespräch und seine klaren Impulse zur Rolle von Unternehmen für den Schutz der liberalen Demokratie.
Die Gesprächspartner
Prof. Dr. Markus Scholz ist Professor für Responsible Management an der Technischen Universität Dresden sowie Visiting Scholar und Adjunct Professor am INSEAD. Als Wissenschaftler und Top-Management-Advisor beschäftigt er sich mit strategischer Transformation, Corporate Responsibility sowie der politischen Verantwortung von Unternehmen. Er berät Vorstände und Führungsteams internationaler Unternehmen zu Strategie-, Governance- und Transformationsfragen und ist Mitglied verschiedener Unternehmens- und Expertengremien. Seine Forschung erscheint in führenden internationalen Fachzeitschriften und wird regelmäßig in Medien wie Financial Times, Handelsblatt, FAZ, Die Zeit, ARD und ZDF aufgegriffen. Den von ihm 2022 gegründeten Arbeitskreis Wirtschaftsethik der Schmalenbach-Gesellschaft leitet er gemeinsam mit Joris-Johann Lenssen. 2025 erschien sein Sachbuch „Wirtschaft mit Werten“.
Joris-Johann Lenssen ist Geschäftsleiter bei Scholz & Friends Reputation und Affiliated Executive an der Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Responsible Management der Technischen Universität Dresden. Zudem co-leitet er den Arbeitskreis Wirtschaftsethik der Schmalenbach-Gesellschaft. Seine Schwerpunkte liegen in Nachhaltigkeitsstrategie, Governance, gesellschaftlichem und politischem Unternehmensengagement sowie verantwortungsvollem KI-Einsatz.